Kopfhörer (Update)

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Was kann man also machen, wenn man mit dick verbundener Hand zu Hause herum liegt? Sich ein paar Kopfhörer zum Probehören heimschicken lassen. Der Hintergrund: damit meine armen Nachbarn nicht immer aus allen Wolken fallen, wenn ich Opeth, Porcupine Tree oder Biosphere höre. Insbesondere Musik, die viele Nuancen zu bieten hat, muss man entsprechend laut hören, sonst bekommt man die Nuancen eben nicht mit!

Nach einer kleinen Recherche kamen heute also vier Kandidaten an, alle preislich zwischen 130 und 230 Euro: von Beyerdynamic alle drei dieses Preisrahmens: DT 770 Pro, DT 880 Edition und DT 990 Edition. Diese drei unterscheiden sich nur nach ihrer Bauweise aber damit auch nach ihrem Klang, doch dazu später. Der vierte Kopfhörer ist schließlich von AKG und zwar der K702, der als Referenzkopfhörer gehandelt wird. Was das heißt und warum das nicht immer gut sein muss, dazu auch später.

Oben auf liegt noch eine CD von Porcupine Tree, doch gehört wurde nur Musik, die ich bereits kenne.

Technik

Alle Beyerdynamic Kopfhörer habe ich in der 250 Ohm-Variante (für HiFi-Anlagen) gekauft, den K702 gibt es nur 62 Ohm. Für Handys wäre also nur der K702 oder die Beyerdynamics in z.B. einer 32 Ohm Variante geeignet.

Der Verstärker ist ein Yamaha RX-V659 im Pure Direct Modus (geringste Signalveränderung, keine Klangveränderungen) und gespielt wurde zum einen analog von einem Denon DP300F mit Audio Technica AT95EBL MM Tonabnehmer (angeschlossen am Phono-MM-Eingang des Yamahas) und zum anderen über einen Media-Server mit MP3s (Bitrate 192-320) bzw. FLACs, deren optisches Signal im Yamaha umgewandelt wurden.

Das ist also kein High End HiFi-System, aber ich würde sagen ordentliche Mittelklasse. Und in diesem Bereich sind auch alle vier Kopfhörer anzusiedeln. Passt also!

Material, Haptik

Wichtig war mir primär der Klang, aber zuvor ein paar Worte zur Verarbeitung und Anmutung. Die Beyerdynamic sind in der Edition-Variante alle Made in Germany, der AKG wurde in China hergestellt. Von der Haptik gewinnt klar der AKG, aber für hohen Tragekomfort ist AKG auch bekannt. Der auf dem Kopf aufliegende Riemen ist beim K702 aus Echtleder und kommt ohne wie ich finde nervige Schaumstoffpömpel daher. Allerdings mag der AKG keine Brillen – hier quietscht dann das Polster am Brillenbügel bei jeder geringsten Bewegung des Kopfes, das passiert bei den Beyerdynamics nicht.

Die Bügelaufnahmen an den Beyerdynamic wirken in ihrem Plastik hingegen etwas billig, sonst sitzen sie aber noch einen Tick besser auf meinem Kopf als der AKG und das will was heißen!

(von l. nach r.) K702, DT 880 Edition, DT 990 Edition, DT 770 Pro

Der DT 770 Pro, von dem es keine Edition-Version gibt, dürfte somit auch nicht in Deutschland gefertigt worden sein und sitzt als Merkmal der Pro-Variante strammer auf dem Kopf und hat ein Spiralkabel montiert. Alle anderen Kopfhörer haben ein normales, ausreichend langes Kabel montiert.

Klang

Nun zum Klang. Gehört wurden meine Lieblingsalben von Steven Wilson (eigentlich alle), Porcupine Tree (Stupid Dream, Sky Moves Sideways, Nils Recurring), Opeth (Sorceress, Heritage), Storm Corrosion (Wilson und Opeth), Biosphere (Patashink) und Kraftwerk (Mensch-Maschine, Trans Europe Express). Alles äußerst gut abgemischte Alben, die ich in und auswendig kenne. Ich höre damit also überwiegend Rock und Metal, gerne aber auch diverse Arten von Techno bis hin zur Klassik (Chopin).

Beyerdynamic DT 990 Edition

Die Bauweise des DT 990 ist offen, das bedeutet, es dringt ungehindert Schall sowohl von außen nach innen wie aber auch umgekehrt. Offene Kopfhörer sind ungeeignet für Büros oder Räume, in denen man sich gegen andere Geräuschquellen wehren muss. Dafür kann sich die Musik auch ungehindert entfalten und das ist definitiv merkbar.

Angeblich ist der DT 990 der neutralste der drei Beyerdynamic Kopfhörer, aber das stimmt meiner Meinung nach nicht. Es kommt hier auf die Musik an: ist die Abmischung recht schwach und muss „beatmet“ werden (wie z.B. bei Alben der Foals!), leistet der DT 990 keine Hilfe. Ist die Abmischung aber einwandfrei, lässt er die Musik auf eine positiv-trockene, präzise Art und Weise entstehen, die manchen vielleicht schon zu differenziert ist.

Zu wenig Bass hat der Kopfhörer nicht: sowohl die kraftvollen wie auch ruhigen und leider meist traurigen Songs von Steven Wilson lassen niemals das Bassfundament vermissen. Diesen Klang hält der DT 990 in allen Lautstärken (getestet bei Schallplatte zwischen -40 dB und 0 dB, bei MP3/320 bzw. FLAC zwischen -45 dB und -5 dB). Zuviel Bass gibt es auch nicht: viele Songs von Opeth, die wegen ihrer teils extrem angehobenen Bassbereiche so manchen Lautsprecher zum Schwitzen bringen, kommen absolut klar und verzerrungsfrei rüber.

Update: mein Fehler – der DT 990 ist im Bass- und im Hochtonbereich leicht verstärkt, was meine Klangeindrücke bestätigen. Vom Hersteller wird der DT 990 dadurch für Rock und Pop empfohlen.

AKG K702

Hier tue ich mir schwer, aber ich denke, klanglich kann ich diesen Kopfhörer mit dem Attribut filigran bezeichnen. Oft las ich, dass der K702 zu wenig Bass hätte und man solle sich eine Quincy-Edition eines AKG-Kopfhörers kaufen (z.B. Q701). Doch daran liegt es nicht – nur. Ich beschreibe es mal so: Nuancen hört man, muss aber genauer hinhören. Das Bassfundament hört man auch und möchte sagen: ausreichend, aber eben nicht mitreißend. Daraus entsteht für mich den Eindruck einer umgekehrten Badewannen-Klangkurve: betonte Mitten und etwas schwache Höhen und Tiefen. Dazu kommt, dass bei lauterer Hörweise (-10 dB und lauter) der ganze Klang etwas in Mitleidenschaft gerät, obwohl mein Verstärker max. 100 mW ausgibt und der Kopfhörer 200 mW verträgt. Dann scheinen mir insbesondere hohe Töne viel zu stechend.

Für mich tüdelt der K702 also an sich wunderbar und wirklich bezaubernd vor sich hin, aber wenn man ihn mit lauter(er) Musik fordert, wird er schnell zickig und fängt an zu beissen. ;-)

So kann ich das bestätigen, was man oft über den K702 hört: manchen – und da schließe ich mich ein – ist der K702 zu analytisch (Referenzkopfhörer eben), zu filigran eben. Der DT 990 ist hier einfach klarer, präziser und lässt sich auch von lauteren Hörsessions nicht beeindrucken. Auch die „Bühne“, die eine gute Abmischung im Kopf enstehen lässt, finde ich deutlich erkennbarer mit dem DT 990 und auch dem DT 880 als mit dem K702.

Beyerdynamic DT 880 Edition

Der halboffene Bruder des DT 990. Angeblich mit leicht verstärktem Bass. Den verstärkten Bass konnte ich nicht finden, ganz im Gegenteil: bei Opeths Album Heritage und auch Sorceress – beide sehr bassbetont – schien der DT 880 gegenüber dem DT 990 regelrecht zu verblassen. Dafür dürfte er etwas weniger gut abgemischte Alben großzügiger unterstützen. Doch dafür habe ich genau genommen Regler an meinem Verstärker. Wer aber einen universelleren Kopfhörer haben möchte, dürfte zum DT 880 greifen.

Update: wie oben schon beim DT 990 erwähnt, ist es genau anders herum, d.h. der DT 880 weist keine Anhebung im Bass/Hochton-Bereich auf und wird somit vom Hersteller für Klassik und Jazz empfohlen. Für meine Art Musik eignet er sich damit ebensowenig wie der K702 von AKG.

Beyerdynamic DT 770 Pro

Die geschlossene Variante. Außengeräusche werden deutlich abgeschirmt und gehörte Musik dürfte auch weit weniger nach außen dringen. Trotzdem bzgl. Umgebungsgeräuschen nicht mit einem Kopfhörer vergleichbar, der ein aktives Noise-Cancelling aufweist. Der DT 770 Pro saß mir allerdings zu stramm auf dem Kopf und das Spiralkabel macht bei mir keinen Sinn (beides ausgewiesene Merkmale der Pro-Edition).

Klanglich macht man hier aber auch nichts falsch. Da er aber geschlossen ist und laut diverser Tests eine deutliche Bassanhebung besitzt, kommt er bei hohen Lautstärken schon mal aus dem Konzept, was sich dann in unangenehmen Höhen und dröhnenden Bässen bemerkbar macht. Gut, Opeth ist als Musik dann genau das falsche dafür, aber für solche Musik suche ich nun mal einen Kopfhörer!

Fazit

Beyerdynamic DT 990 Edition

Nach sechs Stunden ausgiebigen testen würde ich sagen, dass ich den Beyerdynamic DT 990 Edition behalte und die anderen zurückschicken werde.

Ich möchte aber betonen: hätte ich einfach irgendeinen der drei Beyerdynamic gekauft, ohne direkt vergleichen zu können, wäre ich mit jedem zufrieden gewesen – vom Datenblatt her wäre es wohl der DT 880 Edition geworden. Lediglich der AKG wäre mir vielleicht etwas zu „blutleer“ (analytisch, filigran) vorgekommen.

Ich werde die Kopfhörer noch ein paar Tage behalten und immer wieder mal vergleichen. Erwähnenswertes werde ich hier dann ergänzen.

Kleines Update 30.06.2017: Es wird definitiv der DT 990 Edition. Ich habe alle Genres durchgehört, die ich eben so höre. Darunter Jazz, Techno, Metal, Ambient, Klavierkonzerte und sehr viel Post/Prog Rock. Für diese Musik kann ich den DT 990 Edition nur wärmstens empfehlen!

Apropos wärmstens: im Moment kühlte es draußen wieder gut ab, aber ich hatte den Kopfhörer auch bei 27°C Innentemperatur getestet und dabei sind meine Ohren trotz des „Flauschemonsters“ nie unangenehm oder zu heiß geworden. Tragekomfort damit 1-A. Beim AKG übrigens sticht die Mini-XLR Kabelbuchse etwas hervor und damit unter Umständen in die Schulter. Subjektiv hat man zwar mit beiden Kopfhörern keine besonders große Kopffreiheit, wenn man z.B. auf der Couch liegt, aber beim AKG war diese doch noch merkbar geringer.

Nachtrag: das Album Metanoia enthält Studio Improvisationen von Porcupine Tree aus dem Jahr 1995. Wer von dieser Band die eher bekannte Moonloop CD kennt (auch Improvisationen) oder sich ärgert, dass es diese kaum mehr zu vernünftigen Preisen zu kaufen gibt, wird von der Metanoia definitiv nicht enttäuscht sein.

 

Das Artikelfoto zeigt meinen DT 990 Edition auf einem einfachen Kopfhörer Ständer, fotografiert mit der 70D + Sigma 18-35mm f/1.8 DC HSM und dem Yongnuo EX 685 in einem Roundflash als Aufhellblitz.

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