Tipps zur Feinabstimmung

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Es sind mir doch einige Unschärfen in den Fotos von Idar-Oberstein, insbesondere in denen vom Wildfreigehege aufgefallen, also heute Test-Chart rausgekramt, Kamera samt Tamron 70-200mm f/2.8 VC USD angebracht und AFMA (Auto-Focus Micro-Adjustment) eingestellt. Wer sich unter AFMA nichts vorstellen kann – auf dieser Seite ist das sehr gut und anhand vieler Fotos anschaulich erklärt.

Dauerte eine gute Stunde und brauchte insgesamt 7 Iterationen (Fotos mit verschiedenen AFMA Einstellungen gemacht, am Computer ausgewertet). Heraus kam +3 im “Weitwinkel” bei 70mm und -17 im Telebereich bei 200mm (AFMA Einstellungen direkt in der 70D). Danach dann damit ein paar richtige Fotos vom Balkon geschossen und das Grausen bekommen, denn nichts stimmte mehr!

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Bevor ich das Objektiv dann samt Kamera bei Tamron einschicke, wollte ich mal in aller Ruhe das AFMA vom Balkon aus einstellen. Also von RAW auf JPeg+Monochrom eingestellt (Monochrom, um z.B. krasse longitudale Farbsäume schlicht zu ignorieren), auch inkl. Nachschärfung in der Kamera (Schärfe +3 im Bildstil Monochrom), denn damit lassen sich Fotos direkt an der Kamera besser beurteilen.

Nach 20 Minuten bin ich zu etwas anderen AFMA Werten gekommen: -4 bei 70mm und -10 bei 200mm. Jetzt habe ich die Schärfe-Ebene genau da, wo sie hin soll, und zwar über alle Brennweiten und Abstände.

Als Tipp: AFMA-Einstellungen per Fokus-Charts zu bestimmen klappt zumindest bei mir nicht so gut wie diese an nahen und entfernen “echten” Motiven auszuprobieren und direkt am Display beurteilen. Am Computer kann man dann ganz sicher gehen. Auf jeden Fall sollte man sich nicht nur auf Testcharts verlassen und sich darauf einrichten, die per Test-Chart ermittelten Werte danach anhand von echten Motiven nachzukorrigieren.

Außerdem trifft auch der beste Auto-Fokus nicht immer; es reicht also nicht, pro Einstellung ein Foto zu machen, sondern am besten schon im Sucher kontrollieren, ob der AF sitzt oder gerade einen Ausreißer fabriziert hat. Dafür kann im übrigen das Objektiv nichts und streng genommen die Kamera auch nicht. Es ist einfach so. Daher wird die AF-Treffsicherheit bei z.B. Traumflieger.de immer in Form einer Prozent-Zahl angegeben, d.h. bei wieviel Prozent der gemachten Testfotos der AF korrekt war. 93% bedeutet eben: nicht bei jedem Foto klappt das.

Wollt ihr sichergehen, stellt über den Live-View scharf, denn dort braucht es keine AFMAs, da die Scharfstellung direkt über AF-Punkte auf dem Bildsensor selbst geschieht. Das kleine Häschen habe ich damit vorgestern fotografiert und da sieht man noch jedes Haar im Fell.

AFMA ist übrigens gerade bei lichtstarken Objektiven wichtig, denn die Schärfentiefe ist derart gering, dass kleinste Abweichungen schon zu Unschärfen führen. Die Abhängigkeiten sind dabei schnell erklärt: um scharfe Fotos von sich bewegenden Motiven wie eben z.B. Wölfe, Ziegen oder am “schlimmsten” Vögel zu bekommen, braucht man kürzeste Verschlußzeiten. Damit das Foto nicht verkörnt, muss der ISO-Wert möglichst gering sein. Ergo bleibt nur die Blende, die dann möglichst offen sein muss (kleinst-möglicher Wert bedeutet größtmöglich-offene Blende). Andererseits sind nur wenige Objektive bereits bei Offenblende sehr scharf, nichteinmal Canon L-Linsen. Meistens muss man mindestens eine oder zwei Stufen abblenden und somit ist die ISO-Zahl doch zu erhöhen, wenn die Verschlußzeiten zu lang werden.

Unterm Strich arbeitet man in so einer Situation also meist mit der offensten Blende, welche die beste Schärfe bietet. Aber je offener diese ist, desto geringer ist die Schärfentiefe und so hat man zwar unverwackelte Fotos einer auf einen zulaufende Ziege (die bei Besuchern immer von Futter ausgeht und daher angerannt kommt), aber selbst bei noch so perfekt sitzenden Fokus sind die Augen zwar scharf, aber die Schnauze schon nicht mehr. Dieser Effekt ist umso größer, je näher das Motiv herankommt.

Ein weiterer Tipp ist also: kauft euch möglichst keine Kamera, die kein AFMA bietet – wenn ihr vorhabt, damit lichtstarke Linsen (Zooms wie auch Festbrennweiten!) zu betreiben. Nicht nur mein Tamron 70-200 f/2.8 VC USD brauchte übrigens ein paar AFMA-Korrekturen, sondern auch einige Canon-Linsen. Es sind also nicht immer nur die Fremdhersteller “schlecht”. Wenn euch an einer 750D das Canon EF-S 55-250mm STM völlig reicht (ein excellentes, günstiges Telezoom, das ich jederzeit einem Tamron 70-300mm f/4-5.6 VC USD vorziehen würde), werdet ihr wegen der größeren Schärfentiefe vermutlich nicht einmal einen Korrekturbedarf bemerken.

Weiterführende Infos zum Thema AFMA kann man natürlich googlen; hier eine Seite auf englisch, die das Thema ganz gut beleuchtet.

Ein letzter Tipp, der nichts direkt mit AFMA zu tun hat: wenn ihr lichtstarke Zooms wie eben das Tamron 70-200 f/2.8 benutzt, denkt daran, dass die Kamera egal ob per LiveView oder über die normalen AF-Sensoren über Kontrastunterschiede fokussiert. Im Gesicht liegt das Auge und die Nase recht nahe beinander und die Kamera nimmt den Bereich, in dem sie die besten Kontraste findet. Das ist aber nicht immer der Bereich, den man scharf haben möchte. Wichtig ist daher, bei Objektiven mit großer Brennweite auf Features wie Full-Time-Manual-Fokus zu achten: über das Fokus-Rad lässt sich dieser nachkorrigieren, nachdem die Kamera selbst bereits durch halbes Durchdrücken des Auslösers scharf gestellt hat. Anders gesagt: man muss nicht erst den AF am Objektiv per Schalter ausschalten, damit man das Fokusrad drehen kann.

FTM haben übrigens so ziemlich alle Canon USM- und STM-Linsen; bei Reisezooms wäre mir aktuell nur das Tamron 16-300 VC PZD bekannt und bei lichtstarken Standard-Zooms für APS-C Kameras dürfte das nur das Sigma 18-35 f/1.8 DC HSM sein.

Ebenso wichtig sind möglichst große Fokuswege; schaut man sich die teils sehr kurzen Drehungen des Fokusrads zwischen der Naheinstellgrenze und unendlich bei Reisezooms, insbesondere Sigma-Objektiven (wie z.B. auch mein Sigma 17-50 f/2.8 DC OS HSM) an, wird man eine derart geringe Schärfentiefe, wie sie bei f/2.8 auftritt, kaum manuell einstellen können. Bei Reisezooms mag das nicht sonderlich schlimm sein, da die Tiefenschärfe bei f/6.3 und 300mm nicht allzu gering ist, aber bei meinem Sigma 17-50 f/2.8 ist das schon ein negativer Punkt. Beim Tamron 70-200 f/2.8 VC USD hingegen gibt es FTM und das Fokusrad bietet genug “Luft” zum manuellen einstellen. Der Bildstabi hilft übrigens ebenfalls ungemein beim manuellen fokussieren bei langen Brennweiten.