Reisezoom – ja oder nein?

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Ein Luxusproblem. Man hat mittlerweile sehr gute Objektive, eine tolle Kamera, zu Hause gute Hardware und seit kurzem auch kalibrierte Monitore. Da für mich Fotografieren eben auch eine Entspannung aus meinem Alltag darstellt, nehme ich die Kamera oft auf Wanderungen oder auch mal kleinere Spaziergänge mit. Und da stellt sich die Frage: was kommt mit und was bleibt zu Hause?

Sofern das Ziel keine speziellen Objektive vorab benötigte, wie z.B. ein Macro-Objektiv für botanische Gärten, landete immer das Sigma 17-50mm f/2.8 samt Kamera, Ersatzakku und Polfilter in einer kleinen Colt-Tasche. Doch in letzter Zeit soll auch irgendwie immer ein Tele-Objektiv mit rein. Und das Macro habe ich schon öfter mal vermisst. Und, und, und.

Das Problem für mich habe ich zwar ganz einfach durch eine größere Colt-Tasche gelöst (Dörr Mountain Pro XL), aber da Joachim gerne etwas mehr Brennweite als mit seinem Canon 18-135mm f/3.5-5.6 IS STM hätte, kam das Thema Reisezoom wieder auf. Da hatte ich vor knapp einem Jahr eher durchwachsene Erfahrungen mit einem Tamron 16-300mm machen können und für mich war das Thema damals eigentlich nachhaltig gestorben. Trotzdem, mittlerweile bietet Sigma auch ein 18-300mm an, von Canon gibt es seit Ewigkeiten das 18-200mm und von Tamron selbst gibt es deutlich günstiger auch ein 18-200mm Reisezoom.

Ich möchte an dieser Stelle keine Empfehlung aussprechen, aber ich habe ein paar Videos für den interessierten Leser. Für mich persönlich habe ich jedoch im Laufe meiner Recherche gelernt: das schlechteste Foto ist das, das man nicht gemacht hat. Darüber mögen manche Profis die Nase rümpfen, ebenso kenne ich Leute, die übertrieben gesagt lieber sterben würden als das sie ein Foto mit einem Reisezoom machen, aber das ist doch eine künstliche Einschränkung, die einem selbst nur Spaß nimmt anstatt einem Fotos zu bescheren, die zwar vielleicht nicht hundertprozentig perfekt sind, aber mit denen man Erinnerungen im Urlaub verbindet. Früher hat man sich mit der gruseligen Qualität von Polaroid-Fotos abgefunden und sich an den Erinnerungen erfreut, die damit verbunden waren.

Fotos, die ich als Fotograf im Rahmen eines Auftrags anfertige, haben ganz andere Ansprüche, und da ist so ein Reisezoom immer fehl am Platz. Aber für Fotos, die man für sich selbst oder den Kreis der Familie oder Freunde macht,  ist ein Reisezoom allemal eine tolle Sache. Außerdem ist es ein unheimlicher, finanzieller und gewichtiger Aufwand, den man treiben muß, um einen Objektivpark zu unterhalten, der auch gewerblichen Ansprüchen genügt. Da gibt es Leute, denen selbst ein Tamron 70-200mm f/2.8 VC USD nicht genügt und für die es ein doppelt so teures Canon 70-200mm f/2.8 L IS USM sein muss.

Für mich selbst ist das Thema also wieder eröffnet, und irgendwann werde ich mir auch wieder einen Reisezoom kaufen. Denn auf Wanderungen sind 2kg für die Fotoausrüstung definitiv was anderes als 5kg Glas mit sich herumzuschleppen. Vielleicht wirds sogar mal noch deutlich weniger, wenn das liebäugeln zu einer Olympus Pen-F oder einer OM-D konkret wird.

Das erste Video ist außergewöhnlich lang und beschreibt keine Auflösungs-Charts etc. sondern Gründe, warum selbst ein Fotograf wie hier Martin Krolop von einem Reisezoom wie das Tamron 16-300mm begeistert ist (Video in deutsch, 45 Minuten).

Im zweiten vergleicht Christopher Frost (auf englisch) sechs Reisezooms für APS-C Kameras.

Interessant: Joachims Canon EF-S 18-135mm f/3.5-5.6 IS STM liegt auf Platz 1, obwohl es „nur“ bis 135mm anstatt 300mm geht. Im Nahbereich ist der Unterschied jedoch nicht relevant, wie ich vor einem Jahr herausfand.

Entgegen seines Siegers würde ich mir wegen des Full-Time-Manual-Fokusrads und der Spritzwasserfestigkeit jedoch das (am langen Ende etwas unschärfere) Tamron 16-300mm kaufen; Gründe, die auch in diesem Video von Photorec TV (auf englisch) zu Recht genannt werden. Wohl wissend, dass alle Reisezooms bauartbedingt fürchterliches Fokus-Breathing aufweisen. Das war vor einem Jahr der Hauptgrund, warum ich das Tamron 16-300mm wieder zurückgeschickt habe.

Heute würde es mich hingegen nicht mehr stören, denn für Tele- und Makrobereiche habe ich spezielle, bessere Objektive. Denn der Zweck eines Reisezooms ist es nicht, über alle Brennweiten excellente Schärfe und Lichtstärke zu liefern (das würde einen Objektivpark von ca. 6.500€ obsolet machen), sondern bei kleinstmöglichem Gewicht eine Vielfalt von Fotos zu ermöglichen. Und da muss ich zugeben: das tut ein Reisezoom.

Ein paar Worte zu meiner aktuellen Lösung: in die Dörr Mountain Pro XL (1kg) passt die 70D (750g) auf aufgesetztem Tamron 70-200mm f/2.8 VC USD (1,5kg), und daneben passt noch das Sigma 18-35mm f/1.8 DC HSM (900g) sowie das Canon EF 100mm f/2.8 Macro USM (600g) rein. Theoretisch wäre noch Platz für das EF 500mm f/1.8 STM (200g). Damit hätte ich inkl. Kleinkram wie Polfilter und Ersatzakku ca. 5kg auf dem Buckel. Alternativ knapp 2kg für eine 70D plus Tamron 16-300mm und Kleinkram in einer einfachen Colt-Tasche wie der von Mantona.  Ich werde nicht erst eine ausgedehnte Wanderung machen müssen, um den Vorteil der fehlenden 3kg zu erkennen. ;-)

Update 16.07.2016: ich habe mir nun doch das Tamron 16-300mm gekauft, kenne dessen Schwächen (u.a. im Grenzbereich der „Macro“-Funktion) – und verwende es trotzdem gerne, vor allem auf Wanderungen.

Das Titelbild entstand übrigens mit einer EOS 350D und einem Sigma 17-70mm f/2.8-4.5 DC irgendwo in den Häusern von Valldemossa auf Mallorca.

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