Wasserfall, Teil 2

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Die Neugierde, wie weit man mit Lightroom bzw. ähnlichen Tools entrauschen kann, habe ich zwar letztens mit einem eher praktischen Beispiel befriedigt, aber ich wollte es dann doch etwas akademischer wissen. Herhalten musste dafür ein Detail eines üblichen 20€ Scheins.

Update: weitere Vergleichsreihe hinzugefügt und genauer erläutert, von welchem Text in den Ausschnitten die Rede ist.

Zunächst eine Reihe mit einem Ausschnitt in den ISO-Stufen 100 bis 25.600. Die Bilder sind von einem Stativ aus mit Fernauslöser und durchgängig mit Blende 5.6 und 50mm (Sigma 17-50mm f/2.8 EX DC OS HSM) und Spiegelvorauslösung gemacht, der Weißabgleich stand auf Automatik.

Außer einer Objektivkorrektur für das  wurde sonst nichts angepasst. Der Export lief ohne Nachschärfen in JPeg auf Stufe 95. Der Ausschnitt zeigt 1:1 Größe. Da die Kamera aber schräg auf den 20iger gerichtet war, sollte nur die Schärfe trotz Blende 5.6 in der Mitte von links nach rechts beurteilt werden.

Wenn man genau hinschaut, kann man bis ISO 400 noch den Text “20 Euro” im Bogen oben links und rechts lesen. Bis ISO 1.600 gelingt das auch noch, wird aber schon deutlich schwerer zu erkennen. Bei ISO 3.200 ginge das wohl nur, weil man den Text im Geiste bereits erwartet und ab ISO 6.400 kann man keinen Text mehr erkennen.

Ab der Körnung, die ab ISO 3.200 beginnt, kann man zwar den Text im Bogen nicht mehr (gut) lesen, aber die Struktur der Rosette bleibt sehr gut erhalten; sogar noch bis ISO 12.800. Und selbst bei ISO 25.600 kann man die Rosette und auch die feinen Treppchen in den sechs Halbkreisbögen noch erkennen, auch wenn die Körnung schon sehr stark ist.

Der Leser kann jederzeit einen 20iger aus der Börse nehmen und selbst schauen, ob er den Text, von dem hier die Rede ist, überhaupt mit bloßem Auge erkennen kann:

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Ich finde es wichtig, dass wir uns darüber klar sind, über welchen Detailgrad es in diesem Artikel überhaupt geht. Ich kann den Text bei gutem Licht übrigens kaum mit dem bloßen Auge erkennen und würde sagen, dass der Text etwa einen Millimeter hoch ist. Wusstest du vor diesem Artikel, dass auf einem 20iger an dieser Stelle ein Text ist? ;-)

Einmal waschen und polieren bitte

Ansehnlich wäre so ein Foto aus meinem Empfinden nur bis ISO 1.600, vielleicht noch bis 3.200. Aber: die obigen Ausschnitte sind weder entrauscht noch nachgeschärft. Denn entrauscht und geschärft sieht das gleich ganz anders aus.

Ab hier wird es nun sehr subjektiv, denn das Entrauschen und Nachschärfen geht zumindest bei mir nicht anhand von Zahlen vonstatten, sondern über meine Erfahrung und reines Ausprobieren. Ich ziehe zuerst den Entrauschungsregler hin und her und pendele den Regler dann ein, wenn ich glaube, den idealen Kompromiss zwischen geringstem Rauschen und Erhalt von Details getroffen zu haben.

ReglerBeim Nachschärfen spielt die Erfahrung eine größere Rolle; ich gehe meist so vor, dass ich den Radius komplett auf Maximum stelle, die Maskierung auf etwa 70 (entspricht 2/3 des Reglers). Der Detail-Regler bleibt bei 25 (Voreinstellung) und der Schärfe-Regler wird auf etwa 1/3 bis 1/2 gestellt. Über Details regle ich, wieweit Kontrastkanten hervorgehoben werden. Wenn mir das Ergebnis gefällt, regle ich die Schärfe insgesamt über den Schärfe-Regler bzw. die Maske noch etwas herunter. Bei organischen Strukturen (z.B. Gesichtern, Haaren) wird auch der Radius angepasst und meistens etwas heruntergeregelt.

Das macht jeder sicher anders, so komme ich für mich aber schnell zu guten Ergebnissen.

Danach sieht das Ergebnis dann so aus. Achtung: habe wieder unkomprimierte PNGs verwendet, jedes Bild der folgenden Reihe ist etwa 2 MB groß. Habe erst nach Erstellen der Screenshots gemerkt, dass nicht immer “vorher-nachher” sondern auch “nachher-vorher” gilt. Ist aber auch mal interessant, ob man erkennt, welche Seite nachbearbeitet wurde!

Natürlich gehen Details verloren, das ist genausowenig zu ändern wie ein Bild, das von vorneherein unscharf ist.

Ich bin aber überrascht, dass selbst bei sehr hohen ISO-Werten das Ergebnis durch eine schnelle und keineswegs zeitraubende Nachbearbeitung noch so gut ist!

Das waren jetzt Ausschnitte und Vergleiche in 1:1, d.h. man sieht so natürlich jeden krummen Pixel. Wenn man aber keine Fotos macht, um sich mit der Lupe an den Details zu ergötzen, sondern um das Foto insgesamt zu betrachten, ist diese Ansicht bei den 20 MP, die eine 70D oder auch mal mehr, mal weniger eine 6D, eine 5D, eine 7D oder gar eine 1D bietet, nicht so wichtig. Wichtiger ist, wie das Foto insgesamt wirkt.

Und dafür abschließend noch eine Reihe des 20igers über alle ISO-Stufen. Nicht mehr als Vergleich vorher-nachher, sondern nur nachbearbeitet. Aber selbst in diesem Vergleich fällt einem natürlich auf, dass der 20iger mit ISO 100 besser aussieht als bei ISO 25.600. Doch ist das Foto in ISO 25.600 dadurch unbrauchbar?

Der Text, der oben in den 1:1 Ausschnitten im Bogen des blauen Fensters erkennbar war, ist jetzt nicht mehr erkennbar. Dafür ist der Euro-Text rechts im Metallstreifen in allen ISO-Stufen erkennbar, auch in ISO 25.600 und dabei ist der Text in Bezug zur Gesamtansicht sehr klein!

Viel wichtiger: riskiert man lieber ein Foto mit Verwacklungsunschärfe, weil man hohe ISO-Zahlen wie die Pest meidet oder nimmt man Rauschen in Kauf, das man wie gezeigt ganz gut in den Griff bekommt und hat dafür ein körniges, aber scharfes Foto? Eine rhetorische Frage.

Update: da man die 20iger in der Lightbox nicht so gut vergleichen kann, habe ich eine Reihe im Vergleich gemacht, und zwar ISO 100 nachbearbeitet verglichen mit den Fotos in ISO 200-25.600, ebenfalls nachbearbeitet. Hochgeladen als JPeg in der Qualitätsstufe 95.

Praxis

Zum Schluß noch etwas Rechnerei: ich hatte im letzten Artikel den Lichtwert vorgestellt. Nehmen wir an, in einer Kirche gilt ein Lichtwert von 4. Vernachlässigen wir weiterhin den Unterschied der Tiefenschärfe bei gleicher Blende zwischen Crop und Vollformat, denn in so einer Situation kann man schon schweißnasse Hände bekommen, weil man nicht blitzen darf und trotzdem gute Fotos erwartet werden. Es zählt also rein das verwacklungsfreie Foto!

Nehmen wir weiter an, man hat ein übliches, lichtstarkes Objektiv mit Anfangsblende 2.8 auf der Kamera. Diese Anfangsblende nutzt man natürlich, obwohl man bereits hier den ersten Kompromiss eingegangen ist: auch sehr gute Festbrennweiten sind bei Offenblende am schwächsten was die Schärfe betrifft.

Wir sind als Fotograf natürlich nicht nervös und zittern daher auch nicht, weil wir das schon tausendmal gemacht haben. ;-) Wir sind also ganz vorne mit dabei, können daher eine kleine Brennweite verwenden (bei Crop 18mm, bei Vollformat 24mm) und fühlen uns mit einer Verschlußzeit von 1/60 auf der sicheren Seite. Hat unser Objektiv einen Bildstabilisator, lässt sich damit die eigene Nervosität durchaus kompensieren – ein Stabi ist also nicht pauschal schlecht, nur weil das Motiv kein Still-Leben ist!

Damit haben wir also folgende Parameter: Blende 2.8 und Verschlußzeit 1/60 bei einem Lichtwert von 4. Jetzt wirds natürlich trübe, wenn man auf die EV Tabellen schaut, denn danach muss man an der Kamera mindestens ISO 3.200 einstellen und hat überhaupt keinen Spielraum mehr, um z.B. noch sicherheitshalber die Verschlußzeit noch auf 1/120 zu erhöhen.

Wie man oben gesehen hat, ist das aber kein Grund zur Panik, selbst bei einer Crop-Kamera wie der 70D nicht.

Haben wir einen Goldesel und kaufen wir uns einfach mal eine 6D und das Canon EF 24-70mm f/2.8 L II USM (Gesamtwert 3.500€). Die 6D ist im Rauschverhalten eine Stufe besser (gemäß dieses Tests eines anderen Bloggers), d.h. schießen wir dann ein Foto in der obigen Situation mit 1/120, ist das Foto genauso verrauscht wie mit der 70D und 1/60. Natürlich: mit 1/60 und einer 6D ist das Bild wiederum eine Stufe besser.
…nicht die Welt, oder?

Hätten wir statt einem lichtstarken Zoom mit 2.8 als beste Blende eine Festbrennweite wie das EF 24mm f/1.4 L USM, sähe das schon anders aus, denn dann bringt uns das Objektiv zwei volle Lichtstärken mehr und eine 6D weiterhin eine weitere Stufe: wir können bei einem Lichtwert von 4, einer Verschlußzeit von 1/60 und einer Blende von 1.4 ein Foto mit ISO 800 machen. Bei ISO 800 steht jedoch auch die 70D nicht so schlecht da. Mit der muss ich allerdings ein gutes Stück weiter weg, da ich ich wegen des Crop-Faktors praktisch ein 38mm Objektiv habe. Das ist ein Grund, warum man vor einem Heiratstermin unbedingt die Örtlichkeiten besichtigen und Probefotos machen sollte!

Macht doch mal eine kleine Übung dazu: nehmt euch einen Bekannten, schraubt euer Standard-Objektiv drauf und geht mal jeweils soweit an euer Modell heran, bis ihr es mit noch etwas Abstand oben und unten formatfüllend ablichten könnt. Gerne auch im Hoch- und Querformat. Messt dabei, bei welcher Brennweite ihr wie weit von eurem Modell weg seid. Das ist in einer Kirche oder im Standesamt von größter Bedeutung!

Sigma 18-35 die Rettung?

Noch ein letzter Gedankengang: für Crop-Kameras gibt es ja keine wirklich guten Festbrennweiten im ordentlichen Weitwinkel. Das 24er f/1.4 mutiert zu einem 38mm und das 14er hat wieder “nur” eine Lichtstärke von 2.8.

As Retter erscheint wieder das Sigma 18-35 mit durchgängiger Blende 1.8. Selbe Situation wie oben: Kirche, Lichtwert 4, wir stehen ganz vorne mit dabei: Brennweite 18mm, Blende 1.8. Der Einfachheit rechnen wir mal mit Blende 2.0 und können mit einer 70D in ISO 1600 (jedoch ohne weitere Reserven wie bessere Verschlußzeit 1/120) fotografieren. Dagegen stinken wir jedoch immer noch nicht gegen eine 6D mit dem 24mm f/1.4 an, machen aber auch keine schlechten Fotos.

Vergleich:

  • Canon 70D, Lichtwert 4, Sigma 17-50mm f/2.8, Blende 2.8, Verschlußzeit 1/60 bei ISO 3.200
  • Canon 70D, Lichtwert 4, Sigma 18-35mm f/1.8, Blende 2.0, Verschlußzeit 1/60 bei ISO 1.600
  • Canon 6D, Lichtwert 4, Canon EF 24mm f/1.4, Blende 1.4, Verschlußzeit 1/60 bei ISO 800

Die 6D rauscht um eine Stufe weniger als die 70D, also ist das Foto mit der 6D um zwei ganze Stufen besser im Sinne der Rauscharmut als das der 70D. Da wir der Einfachheit halber in ganzen Stufen gerechnet haben und bei der 70D mit dem Sigma von einer Blende von 2.0 ausgegangen sind, wäre der Unterschied “nur” noch 1,5 Stufen, wenn wir das Sigma bei Blende 1.8 verwenden.

Mit den Vergleichsfotos des 20igers im Hinterkopf kann jeder für sich entscheiden, ob ein Vollformat-System den Unterschied macht, diesen auch braucht und dafür auch bereit ist, soviel Geld auszugeben.

Kit-Objektive

Wer bis hierher durchgehalten hat, wird nun auch verstehen, warum lichtschwächere (Kit-) Objektive bei Situationen wie Fotografieren in einer Kirche ungeeignet sind. Viele haben einen Anfangsbereich von 3.5, was eine halbe Stufe schlechter ist als ein 2.8er Objektiv. Doch sind die 3.5 nicht durchgängig gegeben und schnell hat das Objektiv beim Zoomen nur noch 4.5 oder erreicht die Endöffnung von 5.6. Das sind zwei Stufen schlechter als ein 2.8er Objektiv. Mit einer 70D ist man im obigen Beispiel dann in ISO 12.800 unterwegs und für Fotos dieser Qualität möchte man dann doch kein Geld nehmen, nicht?

Schlußwort

Ich gebe zu, ich habe hohe ISO-Zahlen immer gemieden wie die Pest, begründet ist das darin, dass ich 9 Jahre mit einer EOS 350D fotografiert habe und dort bei ISO 400 schon das Ende der Fahnenstange erreicht war. Sie hatte auch nur 8 MP, so dass Bildrauschen sehr wohl bei Prints aufgefallen ist. Ich werde auf den nächsten Foto-Touren bewusst höhere ISO-Zahlen einsetzen und sehen, wie sich die Fotos auch durch Nachbearbeitung in Lightroom entwickeln. Sowohl mit dem Sigma 18-35mm f/1.8 DC HSM wie auch mit meinem bisherigen Immerdrauf, dem Sigma 17-50mm f/2.8 EX DC OS HSM.

Ich kann jedem, der auch mal in schwierigeren Lichtsituationen fotografiert, nur empfehlen, sich ein lichtstarkes Objektiv zu kaufen. Das muss nicht immer teuer sein; gerade für Crop-Systeme gibt es wirklich günstige und gute Alternativen (310€ für das Sigma 17-50 f/2.8) und auch für Vollformat-Kameras muss es nicht unbedingt das 1900€ teure Canon sein. Da ein solches Objektiv jedoch entweder auf Crop eingeschränkt ist (das Sigma 17-50 f/2.8 DC OS HSM ist nicht für Vollformat geeignet) oder wegen der Brennweitenverlängerung nicht für beide Systeme gleichzeitig geeignet ist (ein 24-70mm Objektiv bietet auf Crop zu wenig Weitwinkel, da es dort einem 38-112mm Objektiv entspricht), kann man in dieser Situation nicht stufenweise vorgehen sondern muss sich gleich auf ein System festlegen.

Ein Bekannter von mir kaufte sich damals zu seiner 60D ein Canon 17-40mm, welches auch für Vollformat geeignet ist. Das wäre die einzige Alternative, denn er kann es später auf einer 6D oder 5D als Weitwinkel weiterverwenden, braucht dann aber trotzdem noch ein 24-70mm.