Superzooms, Innenfokussierung, Focus-Breathing und Makros

on

Habe heute abend doch noch eine Schärfetestreihe aufgebaut und dabei ist mir etwas ganz anderes aufgefallen. Nur weil 300mm auf einem Objektiv steht, muss es noch lange keine 300mm haben – zumindest nicht in allen Fokuseinstellungen, Innenfokussierung heisst das Zauberwort. Dazu gibt es hier beim Spiegel einen guten Artikel, der das Phänomen sehr gut erklärt; es nennt sich Focus-Breathing. Dazu findet man im Internet diverse Beiträge zu Objektiven, die darunter leiden, sogar die lichtstarken f/2.8 70-200mm von Sigma, Tamron und auch Canon.

Testaufbau

Ein Stofftier ist etwas über 1,5m von der Kamera entfernt auf einem Tisch positioniert. Die Kamera (Canon 70D) sitzt auf einem Manfrotto 055XProB. Zum Vergleich standen vier Objektive:

Während der Objektivwechsel wurde der Abstand Kamera-Luchs nicht verändert, Änderungen im Abstand ergeben sich daher ausschließlich durch Unterschiede in der Objektivlänge. Die unten aufgeführten Bilder wurden nicht beschnitten sondern auf 1024 Pixel Kantenlänge heruntergerechnet da es weniger um die Schärfe sondern mehr um den Bildauschnitt geht. Der Abstand von etwas mehr als 1,5m entspricht dem Mindestabstand des Tamron 70-300mm Objektivs.

Ich hätte erwartet, dass ich den gleichen Bildausschnitt bei 300mm der beiden Tamrons erhalte. Doch weicht dieser erheblich ab:

Das Bild rechts, aufgenommen mit dem Canon 55-250mm IS STM, zeigt die zu erwartende Abweichung von 50mm in der Endbrennweite.

Ich habe mich beim Tamron 70-300mm etwa an den Bildauschnitt herangetastet, der dem Ausschnitt des Tamron 16-300mm bei 300mm nahekommt und bin bei 154mm gelandet. Hier die beiden Bilder im Vergleich, zusätzlich rechts das Canon 18-135mm bei 135mm.

Schuld an diesem Problem ist jene Innenfokussierung, bei der Linsen, die für die Scharfstellung verantwortlich sind, eben auch die Brennweite beeinflussen. Einerseits lassen sich nur damit kompakte Zooms wie dieses bauen, andererseits geht gehörig Brennweite flöten, wenn auf nahe Motive scharfgestellt wird. Und das ganz ordentlich: im obigen Beispiel liegt die geschätzte Brennweite bei der 300mm Einstellung des Zoomrings bei unter 135mm, verglichen mit dem Bild des Canon 18-135mm Objektivs, das offenbar keine Innenfokussierung verwendet. Somit ist das Canon 18-135mm f/3.5-5.6 IS USM eigentlich die bessere Wahl, auch wenn es auf unendlich fokussiert dann nicht die Brennweite des Tamron 16-300mm erreicht, denn DA soll das Tamron durchaus seine 300mm erreichen was ich aber nicht getestet habe.

Vermarktung

Das ist schon interessant, wenn man sich die Werbung für dieses Objektiv anschaut: über das deutliche Absinken der realen Brennweite in dieser Situation wird kein Ton gesagt. Und bis heute wusste ich nichts über das Thema Innenfokussierung – für mich bedeutete das immer, dass sich eben die Frontlinse nicht dreht was schön für Polfilter ist. Andererseits wird dann für den Nahbereich der Abbildungsmaßstab angegeben, beim Tamron 16-300mm etwa 1:3. Dadurch kann man im Nahbereich etwa auf den Bildausschnitt wie oben beim Tamron 70-300mm@300mm kommen, muss aber wesentlich näher herangehen. Dadurch scheint der Makel für viele aufgehoben, doch muss man dabei eben sehr nahe an das Motiv heran. Eine Blume stört das nicht – Tiere oder Insekten hingegen definitiv.

Übrigens: Canon setzt diese Art der Fokussierung auch bei teuren Objektiven ein (z.B. beim Canon EF 70-200mm 1:4,0L IS USM), denn dadurch, dass vorne eben kein Tubus zum Fokussieren herausfährt, sind diese Objektive eben auch haltbarer – aber mit dem gleichen negativen Effekt auf die Brennweite bei nahen Motiven. Doch hält sich der Brennweitenverlust bei Festbrennweiten mit Innenfokussierung wie dem Tamron 90mm f/2.8 Di VC USD Macro eben in Grenzen – nur bei Superzooms tritt der Effekt derart krass zu Tage.

Bokeh und Schärfe

image-4215Das Bokeh (Die Beschaffenheit des Unschärfebereichs) ist etwas nervös und wirkt wie mit dem Finger gemalte Kreise. Immerhin rund, aber strudelig-verschmiert. Nicht sehr schön, wie ich finde und aus meiner Sicht kein Kaufargument. Die Schärfe hat mich ebenfalls etwas enttäuscht, aber wie sich zu Beginn dieses Tests zeigte, konnte dem durch Mikroadjustment des AFs etwas nachgeholfen werden. Unterm Strich hatte es dann eine für einen Super Zoom akzeptable bis sogar gute Schärfe. Diese Beobachtungenwerde ich in diesem Blog vermutlich nicht mehr gesondert nachreichen.

Objektiv zum Wandern?

Um nochmal auf meine persönliche Entscheidung, dieses Megazoom zu kaufen, zurückzukommen: für unterwegs bei leichtem Gepäck (z.B. Wandern) war es gedacht. Dafür ist es jedoch nicht lichtstark genug – für manche Motive kann man ein Stativ verwenden und dafür habe ich auch ein 1.1kg schweres Stativ, aber eben für Vögel oder generell Tiere und Insekten eignet es sich damit nicht. Das hätte ich mir vorab denken können, aber man lässt sich von einem Bildstabilisator doch etwas in falscher Sicherheit wiegen. Doch unterm Strich hat mir das Tamron 16-300mm einfach zuviele Nachteile, über die ich mich in Summe immer ärgern würde. Sicher, für das was es ist, ist es ein tolles Superzoom, das ich mir vor zehn Jahren mit Begeisterung gekauft hätte. Aber mittlerweile hatte ich oft genug die Situation, ein tolles Motiv verpasst zu haben oder im Nachhinein mit unschönen Bildern gestraft zu sein.

Die Anforderungen, die sich damit an ein einzelnes Objektiv stellen, können wohl aufgrund physikalischer (und monetärer) Grenzen nicht erfüllt werden: DAS Objektiv, das alle wichtigen Brennweiten abbildet, mit dem Landschaftsaufnahmen möglich sind und Vögel im Flug treffsicher fotografiert werden können, das auch im schummrigen Dickicht eines Waldes in der golden Stunde nicht aufgibt und letztlich nicht durch hohes Gewicht stört, gibt es eben nicht. Damit läuft es dann doch auf ein oder zwei bestimmte Festbrennweiten hinaus. Alternativ wäre noch das Tamron SP AF 17-50mm F/2.8 XR Di II VC LD Aspherical [IF] in Frage gekommen, jedoch hat das noch einen Mikromotor, den ich eigentlich nicht mehr in einem neuen Objektiv möchte und lt. Testberichten lässt die Schärfe bei 50mm doch stark nach.

Makro-Objektiv

Ich wollte mir eh schon einiger Zeit ein Makro-Objektiv zulegen, da käme das etwas betagte Canon 100mm f/2.8 USM Macro oder das Tamron 90mm f/2.8 Di VC USD Macro in Frage. Dazu das Canon EF-S 24mm f/2.8 STM Pancake, welches an Winzigkeit und Leichtigkeit nicht zu überbieten ist; dann müsste die Kamera mit dem Macro sowie dem Pancake für Landschaftsaufnahmen auch in eine Colt-Tasche passen und mein Problem wäre gelöst. Allerdings für etwas mehr Geld. Vielleicht siegt in dieser Entscheidung auch das Verlangen nach Lichtstärke über jenes, ein Makroobjektiv zu haben und es wird ein Canon 85mm f/1.8 USM.

Fazit

Lichtstärke und Schärfe sind eben einfach durch nichts zu ersetzen und sofern man gierig wird und eben alles will, landet man schnell bei Kompromissen, die einem immer wieder unzufrieden sein lassen. Das Kapitel Super-Zoom hat sich für mich jedenfalls die nächste Zeit erledigt.

Nachtrag 16.06.2015: Joachim fand heraus, dass das Phänomen Brennweitenverlust bei Zooms korrigiert werden kann, das offenbar aber bei Tamron aus Kostengründen nicht vorgenommen wurde. Es ist reine Mutmaßung, ob das Canon macht, aber wenn ich mir Joachims 18-135er STM anschaue, das etwa gut 1,5 mal so lang ist wie das Tamron 16-300 und diesen krassen Brennweitenverlust nicht hat, würde ich meinen, dass die Korrektur dieses Problems bei der Canon Linse vorgenommen wurde. Der Witz dabei: das Tamron 16-300 ist nichtmal sonderlich klein, und leicht ist es auch nicht. Gut, anders gesagt: würde Tamron den BW-Verlust ebenfalls korrigieren, wäre die Linse wohl noch länger und vorallem schwerer. Tja, es ist und bleibt eben ein Kompromiss.